Salutogenese

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→ Faltermaier in Kerbe 04/12

Salutogenese – Gesundheit als Prozess

Subjektive Vorstellungen von Gesundheit

Zu der traditionsreichen übergeordneten Wissenschaft der Medizin, die sich in ihre spezifischen Fachbereiche untergliedert und sich vorrangig mit der Ursache und Heilung von Krankheiten durch medizinische Experten beschäftigt, haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts Forschungsdisziplinen der Gesundheitswissenschaften gesellt. Diese untersuchen die systemischen Bedingungen von Gesundheit und stellen in einigen Fachrichtungen den Menschen als subjektiven Experten in den Mittelpunkt. Inzwischen gibt es Forschungsergebnisse über die subjektiven Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, die besagen, dass das Wissen über subjektive Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit die Grundlage für individuelle gesundheitsbezogenen Handlungskompetenzen bildet. Diese Vorstellungen werden handlungsleitend, wenn sich der Mensch in einer Lebenskrise befindet, auch geben sie Aufschluss über die individuellen physischen und psychischen Ressourcen.

„Was Menschen alltäglich für den Erhalt ihrer Gesundheit tun oder nicht, wie sie mit ihrem Körper und Beschwerden umgehen, wie weit sie nahestehende Personen dabei einbeziehen, wann und mit welchen Erwartungen sie einen Arzt oder andere Experten aufsuchen, wie sie mit diesen kommunizieren und wie weit sie Behandlungsmaßnahmen akzeptieren und in ihr Alltagsleben integrieren – das alles hängt ab von einem Vorstellungssystem von Gesundheit und Krankheit.“ (Faltermaier 1998, S.76)

Auf den ersten Blick scheinen die Begriffe Gesundheit und Krankheit eindeutig definiert. Gesundheit lässt sich mit Wohlbefinden und Abwesenheit von Beschwerden und Symptomen beschreiben.

Mit Krankheit dagegen verbinden wir Beschwerden, Schmerzen und Einschränkungen.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sowohl im privaten wie in gesellschaftlichen Bereich die Begriffe Gesundheit und Krankheit sehr unterschiedlich definiert sein können. Für manche ist Gesundheit gleichbedeutend mit Wohlbefinden und Glück, andere verstehen darunter das Freisein von körperlichen Beschwerden.

Wieder andere betrachten Gesundheit als Fähigkeit des Organismus, mit Belastungen fertig zu werden. Diese subjektiven Vorstellungen entwickeln sich in der Sozialisation jedes einzelnen und in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext und Klima; die Wahrnehmung körperlicher Beeinträchtigungen wird durch die soziale und individuelle Einschätzung beeinflusst. Gesundheit ist also kein eindeutig definierbares Konstrukt; sie ist schwer fassbar und nur schwer zu beschreiben.

 Salutogenese -das Konzept

Salutogenese (1979/1987) ist Aaron Antonovskys umfassender Ansatz zur Begriffsbestimmung von Gesundheit. Er legte damit den Grundstein für heutiges Wissen über Gesundheit. Ein grundlegendes Element des Konzeptes der Salutogenese, das „Bewältigungshandeln“ (Coping), welches als Weiterführung des Stressmodells von R. Lazarus zu betrachten ist, beschreibt, dass Stress als Herausforderung angenommen sich auf den Menschen positiv auswirkt. Im modifizierten Modell der Salutogenese nach Faltermaier (1994) kommen die sozialen und gesellschaftlichen Einflussgrößen auf Gesundheit zum tragen, da Antonovsky psychosoziale Prozesse als rein individuellen Verlauf beschreibt. Dies schmälert das Konzept um die Größen des Bewältigungs- und Gesundheitshandeln und Gesundheitsbewusstsein, welche jeweils in Wechselwirkung mit der Umwelt stattfinden. Diese drei Variablen, die der Selbstverantwortung jedes aktiven und mündigen Menschen obliegen sollten, sind im erweiterten Begriff der Salutogenese unverzichtbar enthalten.

Salutogenese –die Entstehung des Modells

Das Modell der Salutogenese richtet sein Augenmerk auf die psychischen und sozialen Bedingungen der Förderung und Erhaltung von Gesundheit. Aaron Antonovsky (1923 -1994), ein israelischer Medizinsoziologe und Begründer des Modells, führte in Israel eine Studie durch, um Stressfolgen zu erforschen. Es ging um die Gesundheit von Frauen im Klimakterium. Unter diesen befragten Frauen waren auch etliche, die 30 Jahre zuvor während des Holocausts im KZ gewesen waren. Antonovsky fiel auf, dass etwa 30 Prozent dieser Frauen sich trotz dieses traumatischen Erlebnisses guter körperlicher und psychischer Gesundheit erfreuten. Er vermutete daraufhin, dass eine positive Lebensorientierung dazu beitragen kann, dass der Mensch trotz widriger Lebensumstände gesund bleibt. Diese positive Lebensorientierung benennt Antonovsky im Konzept der Salutogenese Kohärenzgefühl. Wobei er Kohärenz nicht etwa als Harmonie oder innere Einheitlichkeit versteht, sondern vielmehr vermutete, dass Kohärenz als prozessuales Ergebnis von Identitätsarbeit zu verstehen ist, die letztendlich einen authentischen (kohärenten) Menschen hervorbringt.

Das Kohärenzgefühl (SOC) als zentrale gesund erhaltende Kraft

Das SOC verfügt über drei wesentliche Komponenten, die zusammen entscheidend für einen erfolgreichen Umgang mit Belastungen und Risiken sind. Diese umfassende Lebensorientierung kann Gesundheit positiv beeinflussen.

Gefühl der Verstehbarkeit

Die Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens als strukturiert, klar geordnet und in vielfältigen Situationen sogar als vorhersehbar zu erleben. Die Lebenswelt erscheint erklärbar, im Gegensatz zu chaotisch, zufällig und unverständlich.

Gefühl der Bewältigbarkeit

Die Überzeugung, das eigene Leben gestalten und kontrollieren zu können. Die individuellen Ressourcen werden wahrgenommen und eingesetzt, um auf Widrigkeiten des Lebens angemessen zu reagieren.

Gefühl der Sinnhaftigkeit

Der Glaube, dass das eigene Leben und die dazugehörige Lebensumwelt bedeutungsvoll und sinnvoll sind. Die Anforderungen im Leben können als Herausforderungen interpretiert werden und sind es wert, sich persönlich dafür einzusetzen.
(vgl. Faltermaier 1994)

Salutogenese – die Bewegung auf dem Gesundheitskontinuum

Antonovsky untersuchte mittels der salutogenetischen Perspektive die Entwicklung von Gesundheit, dabei ging es ihm nicht um einen absoluten Zustand von Gesundheit als Gegenteil von Krankheit. Unter salutogenetischen Gesichtspunkt kann ein Mensch zugleich krank und gesund sein und sich sowohl krank als auch gesund fühlen. So kann sich beispielsweise ein aus medizinischer Sicht als krank diagnostizierter Mensch subjektiv gesund fühlen.

Er ging der Frage nach, welche Faktoren Gesundheit fördern und zu Gesundheit führen. Damit ist Gesundheit zu verstehen als ein aktives und sich dynamisch regulierendes Gleichgewicht, welches sich immer wieder neu herstellt zwischen physisch – psychischen, sozialen Schutzmechanismen und krankmachenden Einflüssen der biologischen und sozialen Umwelt (bspw.: Krankheitsauslösende Bakterien und Viren, Umweltgifte, politische Unsicherheiten aber auch Stress und Ärger). Bei diesen Einflüssen spricht Antonovsky von Stressoren oder Stimuli, die er zunächst aber nicht als krankmachend ansieht, vielmehr sind es für ihn Anforderungen an den menschlichen Organismus, die sein Gleichgewicht stören und in einen Spannungszustand versetzen.

Ob dieser Spannungszustand sich negativ oder positiv auf die Gesundheit des Menschen auswirkt, hängt nun von der individuellen Bewältigung ab. Gerät der Körper bei Stress in Anspannung und kann diese lösen, geht Antonovsky davon aus, dass das Individuum sich auf dem Gesundheitskontinuum in Richtung maximaler Gesundheit bewegt. Reagiert der Körper hingegen mit anhaltendem Stress, weil er den Anforderungen keine angemessenen Strategien entgegensetzen kann, so zeichnet sich laut Antonovsky eine Bewegung in Richtung fehlende Gesundheit ab.

Antonovskys Vorstellung von einem Kontinuum entspricht einem Bereich zwischen zwei Polen, in dem sich ein Mensch bewegt in Richtung health dis- ease (fehlende Gesundheit) oder health- ease (Wohlbefinden, Gesundheit)

 Salutogenese – die Bedeutung des Bewältigungshandeln (Coping)

 Gerade psychosoziale Determinanten, wie Umweltbedingungen, Verhaltensfaktoren und nicht zuletzt Stress führen zu chronisch- degenerativen Erkrankungen. Hervorhebenswert sind insbesondere die in unserer Gesellschaft stark vermehrt auftretenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen, deren Folgekosten sich im Jahr 2003 auf rund 240 Milliarden Euro in Deutschland beliefen (Statistisches Bundesamt (2004) Krankheitskosten. Wiesbaden). Repräsentative Studien aus der EU und anderen Ländern zeigen zudem auf, dass zwischen 50-60% aller verlorenen Arbeitstage mit Stressproblemen in Zusammenhang stehen.

Der Umgang mit Stress ist heute der Dreh- und Angelpunkt, da einerseits erfolgreiche Bewältigungsstrategien Hindernisse zu Herausforderungen verwandeln können, an denen der Mensch wachsen und gesunden kann, und andererseits mangelnde Strategien zu Überforderungsphänomenen wie z.B. Depressionen und Burnout Syndrom führen können. Dasselbe Umfeld mit seinen Anforderungen wirkt auf den einen Menschen krankmachend – auf einen anderen stärkend.

Unsere moderne Zeit lässt überwiegend Stresszustände zu, die durch emotionale Ereignisse hervorgerufen werden, hier unterscheiden sich chronische Stressoren, wie etwa der Zustand des allein erziehend sein, von kritischen Lebensereignissen, beispielsweise die Trennung vom Lebenspartner und von sogenannten daily hassles, den alltäglichen kleinen Ärgernissen unseres Alltags, wie etwa der lästige Pessimismus unseres Vorgesetzen.

Um alltäglichen Anforderungen zu begegnen, formuliert Antonovsky sogenannte Widerstandressourcen, diese benennt er neben körpereigenen und genetischen Abwehrkräften im sozialen Bereich (soziale Unterstützung) kulturell (ruhige politische Weltlage, Bildung ) und individuell, wie Möglichkeiten der Problemlösung durch Ich- Stärke, personale Kontrolle oder Intelligenz.

Für eine salutogenetischen Sichtweise lässt sich zusammenfassend festhalten, dass der Mensch in der Lage ist, seine Ressourcen zu entdecken und zu stärken und mittels ausgebildeten Kohärenzgefühls den Prozess der Stressbewältigung zu steuern.

Literatur:

  • Antonovsky , A.(1993): Gesundheitsforschung vs. Krankheitsforschung. In: Franke, A., Broda, M. (Hrsg.).Psychosomatische Gesundheit. Versuch einer Abkehr vom Pathogenese – Konzept. Tübingen: dgtv.
  • Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dt. erweiterte Ausgabe von A.Franke. Tübingen: dgtv.
  • Bauer, A. (2004): Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. München: Piper.
  • Boal, A. (1989): Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Frankfurt: Suhrkamp.
  • Boal, A., Weintz, J. (2006): Der Regenbogen der Wünsche. Schibri-Verlag
  • BzgA (2001): Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese- Diskussionsstand und Stellenwert. Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 6.Köln.
  • Faltermaier, T. (1994): Gesundheitsbewußtsein und Gesundheitshandeln. Über den Umgang mit Gesundheit im Alltag. Weinheim: Beltz.
  • Faltermaier, T. Kühnlein, I. (2000): Subjektive Gesundheitskonzepte im Kontext: Dynamische Konstruktionen von Gesundheit in einer qualitativen Untersuchung von Berufstätigen. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 8 (4), S.137- 154.
  • Faltermaier, T., Mayring, P. et. al. (2002): Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters. Weinheim: Beltz.
  • Faltermaier, T. (2003): Subjektive Konzepte von Gesundheit und Krankheit. In R. Schwarzer (Hrsg.), Gesundheitspsychologie. Enzyklopädie der Psychologie C/X/1 (s.31-53).Göttingen: Hofgrefe.
  • Faltermaier, T. (2005): Gesundheitspsychologie. Kohlhammer
  • Flick, U. (Hrsg.) (1998): Wann fühlen wir uns gesund? Subjektive Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit. Weinheim: Juventa.
  • Höfer, R. (2000): Jugend, Gesundheit und Identität. Studien zum Kohärenzgefühl. Opladen: Leske + Budrich.
  • Löwel, H.(2006): Koronare Herzkrankheit und akuter Myokardinfarkt. Gesundheitsberichterstattung. Heft 33.Berlin: Robert Koch Institut.